Unsere 50er Jahre: Wie wir wurden, was wir sind


 
Die 50er sind mehr als Pettycoat, Rock'n Roll, Lipsischritt, Goggomobil und VW-Käfer.
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Alle meine Rezensionen ansehen Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?) Rezension bezieht sich auf: Unsere fünfziger ( 50er ) Jahre: Wie wir wurden, was wir sind - Begleitbuch für die 6-teilige Fernsehreihe in der ARD (Gebundene Ausgabe) Piefig, miefig, spießig, so lautet eines der oberflächlichen Klischees zur Beschreibung der "50er Jahre". Fotografien mit fliegenden Pettycoats, schnurrende Motorroller, Kleider mit großen Punkten, die Ankunft des Rock'n Rollers Elvis Presleys in Bremerhafen und der Bau des einmillionsten Käfers bei Volkswagen als das Symbol des Wirtschaftswunders verdeutlichen die Aufbruchstimmung der Nachkriegsjahre im Westen Deutschlands und stehen für ein anderes, ein eher romantisierendes Klischee.

Da der Autor - so der Klappentext - Historiker (und Journalist) ist, findet sich im Anhang auch eine 4-seitige Chronik der politischen Ereignisse in Ost- und Westdeutschland von 1948, dem Jahr der Währungsreformen in den drei Westzonen und der Sowjetischen Besatzungszone, bis zum Rücktritt Konrad Adenauers im Jahr 1963 und dem Amtsantritt Ludwig Erhards als Bundeskanzler der BRD am 16. Oktober 1963.

"Unsere 50er Jahre" ist allerdings ein Geschichtsbuch der etwas anderen Art. Der Historiker Großkopff porträtiert dieses Jahrzehnt nämlich in erster Linie anhand von Zeitzeugen, die man als "Otto Normalbürger" bezeichnen könnte, und macht deutlich, wie die privaten Schicksale und persönlichen Lebensläufe dieser Menschen von der "großen" Politik in Ostdeutschland wie auch in Westdeutschland bestimmt wurden.

Und so schildert der Autor zum Beispiel die persönliche Geschichte der Eheleute Heinz und Uschi Oppermann, der Krankenschwester aus Gießen und dem ehemaligen Wehrmachtssoldaten, der die russische Gefangenschaft in dem berüchtigten sibirischen Lager Workuta überlebte und die nach dem 2. Weltkrieg doch noch ein Paar wurden. Er erzählt aber auch von Hein Severloh, dem Landwirtssohn aus Norddeutschland, der im Krieg als die »Bestie von Omaha Beach« - wie ihn manche amerikanische Soldaten nannten - mehrere hundert Feinde tötete und der Mitte der 50er, als die Bundeswehr entstand, heimlich dem Verband der Kriegsdienstverweiger beitrat. Nur seine Frau erfuhr damals davon. "Die Methode des Verkapselns von Schuld war in den Gründerjahren der Bonner Republik besonders beliebt, wenn es galt, die Gräuel der NS-Zeit unter den Teppich zu kehren."

Kurzweilig und facettenreich schreibt der Autor aber nicht nur von Entnazifizierung bzw. Renazifizierung, sondern auch vom Erfinder Artur Fischer-(Dübel), vom großen und kleinen Grenzverkehr, vom Alltag des Hochofenarbeiters Otto Schulz, vom "demokratischen Diktator" Konrad Adenauer, dem ersten 1000-Mark-Schein am Ende der Dekade, vom "Abmarsch in die Nische", von Peter Süss und seinem gebrauchten "Goggomobil", von Rose Brocks und ihrem Vater, der als vermeintlicher Regimegegner in der DDR jahrelang im Gefängnis verschwand, von der "Nierentischparty" bei Sekt und Cocktail, von Kuppelei und anderen »Verbrechen«, vom »Sozialen Wohnungsbau«, dem Bungalow als Inbegriff für Luxus, und vom "Rheinischen Kapitalismus oder: Wohlstand für alle".

Im Kapitel "Das Wunder der Wunder" zitiert der Autor sogar den Soziologen Helmut Schelsky, der Mitte der 50er Jahre angesichts der Lohnzuwächse der Arbeitnehmer und des Wirtschaftswachstums in der Bundesrepublik vor der "nivellierten Wohlstandsgesellschaft" warnte und das, obwohl es bereits damals erhebliche Unterschiede gab, was die Verteilung der Einkommen und des volkswirtschaftlichen Vermögens anging: "1959 verfügten 18,9 Millionen Arbeitnehmer insgesamt über 6,1 Milliarden Mark Vermögen, das waren 322 Mark pro Kopf; die 3,2 Millionen Selbstständigen hatten pro Kopf etwa 23-mal so viel." (Zum Vergleich: 2008 verfügte der reichste Deutsche allein über ein Vermögen, das dem Gegenwert von 30.000 bis 35.000 Einfamilienhäusern zum Preis einer halben Milllion Euro entspricht, Quelle: forbes magazine 2009. Vermutlich würde Herr Schelsky, hätte er nicht 1984 das Zeitliche gesegnet, auch heute noch vor der "Nivellierung" der Einkommen und Vermögen warnen.)

Am Ende dieses Kapitels schreibt der Autor: "Die Faszination des Wirtschaftswunders lebt als Mythos bis heute fort, gerade auch in Zeiten wirtschaftlicher Bedrängnis. Als die Konjunktur zu schwächeln begann ertönte in den Jahren 2000 alle paar Wochen der Appell, die Deutschen müssten noch einmal so zupacken wie nach dem Krieg, dann werde alles gut. Dass die politischen, gesellschaftlichen und emotionalen Voraussetzungen sich seither verändert haben, interessiert wenig. Und dass auch damals nicht alle ökonomischen Probleme allein durch das Hochkrempeln der Ärmel gelöst wurden, übersehen die Deutschen im Nachhinein gern."

Leider enthält das Buch nur einige ausgewählte Fotografien. Ein paar (bislang unveröffentliche) Bilddokumente mehr hätten dem Buch tatsächlich nicht geschadet, ohne daraus gleich ein nostalgisches Bilderbuch zu machen.
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 5. April 2010
Kundenrezensionen:
1. Die 50er sind mehr als Pettycoat, Rock'n Roll, Lipsischritt, Goggomobil und VW-Käfer. (die aktuell angezeigte Rezension)
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